Besondere Aufmerksamkeit erregte auf dem Hamburger Filmfest die Podiumsdiskussion „DER FALL HEINZE UND DIE FOLGEN – mehr als ein TV-Krimi?“, zu dem der BUNDESVERBAND DER FERNSEH- UND FILMEGISSEURE und der Verband deutscher Drehbuchautoren gemeinsam eingeladen hatten. Es wurden nicht nur der Skandal, sondern dessen Ursachen und Wirkungen, vor allem auf den Umgang mit Kreativen kontrovers verhandelt. Mehr als 100 interessierte Zuhörer, darunter viele Autoren, Regisseure und Schauspieler, beteiligten sich lebhaft an der anschließenden offenen Diskussion über Perspektiven für vielfältiges Fernsehen und ein transparentes öffentlich-rechtliches Rundfunksystem in Deutschland.
Drehbuchautor Dr. Knut Boeser und Regisseur Jobst Oetzmann schilderten die Erfahrungen der Kreativen mit einem immer stärker formatierten Programm und die Gefahren der Machtkonzentration in den Händen weniger Entscheider. Oetzmann wies auf die zunehmende Konzernverschachtelung öffentlich-rechtlicher Anstalten durch die Ausgründung immer neuer Töchterfirmen als strukturelle Voraussetzung für Umgehungstatbestände hin. Mischa Hofmann von Hofmann & Voges stellte die Situation der Produzenten dar, auch er forderte eine bessere Wahrnehmung von Autoren und Regisseuren – zum Wohle der gesamten Branche.
Thomas Schreiber hatte als Leiter des Programmbereichs Fiktion & Unterhaltung im NDR den größten Wortanteil: Krisenmanagement und interne Abläufe im NDR sorgten für Erklärungsbedarf. Ebenso großes Interesse war ihm für seine Ankündigung von Workshops zur Transparenz und zur künftigen Gestaltung öffentlich-rechtlichen Fernsehens sicher. BVR und VDD werden sehr genau beobachten, wie diese Ankündigung mit Leben erfüllt wird und ob sie Reformen anstoßen.
Unterstützung für diesen Vorstoß fand Schreiber u.a. bei Prof. Dr. Volker Lilienthal, der sich zuvor mit kritischen Worten zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen geäußert hatte und dessen Erfahrungen bei der Aufdeckung des Schleichwerbungsskandals für erhellende Seitenblicke gesorgt hatten.
VDD und BVR konnten mit dieser Diskussion einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Wahrnehmung eines Skandals leisten, der eben doch mehr war als der „Aufreger der diesjährigen TV-Saison“.
Ein Mitschnitt der Veranstaltung ist als Podcast in Vorbereitung. Er wird demnächst zu hören sein auf: www.stichwortdrehbuch.de .
DER FALL HEINZE
Verkrustung im öffentlich-rechtlichen System
Der Fall der suspendierten NDR-Fernsehspielchefin Doris Heinze ist vor allem jenseits der individuellen Gier, Geltungssucht oder des Verstoßes gegen Verwaltungsrichtlinien von Interesse. Er weist auf ein zu stark hierarchisiertes, zu wenig kontrolliertes, von einigen Hauptabteilungsleitern und –leiterinnen beherrschtes System, das Fernsehfilm- und Serienaufträge in Milliarden EUR-Höhe vergibt.
Die autokratisch anmutende Entscheidungsmacht von Doris Heinze beruht auf Organisations-Entscheidungen der ARD-Führungsspitze. Der langjährige Programmdirektor Struve hat die Anhäufung von Machtfülle auf einige wenige Fernsehspielchefs stark gefördert. Flankierend dazu hat er ein System von Tochterfirmen der ARD installiert, die Programm- oder Honorargrundsätze der öffentlich-rechtlichen Anstalten auch frei auslegen. Diese Selbst-Positionierung der ARD führt zur Entwertung von Kontrollinstanzen. Rundfunkräte, Gesetzgeber (das sind die Länder) oder Kartellamt und EU sollten das hinsichtlich des fairen Wettbewerbs überprüfen.
Auf der anderen Seite ist festzuhalten, dass viele Drehbuchautoren und Regisseure in den Fernsehfilm-Redaktionen der ARD immer wieder kompetente Dramaturgen gefunden haben, mit denen sie im gegenseitigen Respekt stimmige Projekte entwickeln. Gerade der deutsche Fernsehfilm galt lange als Königsdisziplin und im internationalen Vergleich als hochwertig. Allerdings hat dieses Ansehen in den letzten Jahren auch aufgrund einsamer Geschmacksentscheidungen von Programmautokraten gelitten.
Die Rückbesinnung auf eine große Stärke der ARD, die Vielfalt in Ausrichtung und Anzahl der Redaktionen, hat anders als bei anderen Sendern immer noch große programmästhetische Kraft. Die gilt es, verbunden mit einer von Regisseuren und Autoren unterstützten Reflektion über die Organisations-, Arbeits- und Entscheidungsstrukturen der Fernsehfilm-Redaktionen, neu zu bestimmen.
NDR-Intendant Marmor hat angekündigt, „Transparenz zu schaffen“. Die ist nötig und sollte für das gesamte System der öffentlich-rechtlichen Fernsehfilmproduktion gelten. Auf den Prüfstand gehören die Programm- und Auftragsvergabekriterien ebenso wie das sich zunehmend verschlechternde Honorarsystem, in dem Autoren und Regisseure immer häufiger mit Pauschalen abgefunden werden, Entwicklungs- oder Überarbeitungskosten von Projekten versickern. Gerade im Bereich der Produktion öffentlich-rechtlicher Fernsehfilme sollte ein Klima der offenen Auseinandersetzung vorherrschen, in der ästhetische Innovationen willkommen, Willkür und geschmäcklerische Entscheidungen aber strukturell ausgeschlossen sind.
JÜRGEN KASTEN
Linksammlung zum Fall Heinze und zur Kritik am öffentlich-rechtlichen Fernsehfilm-System
Die Enthüllung von Selbstherrlichkeit und schamloser Selbstbereicherung der entlassenen NDR-Fernsehfilmchefin Doris Heinze hat breite Resonanz in den Medien gefunden. Zunächst ging es um den personalisierten Skandal, um den tiefen Fall einer mächtigen Medienmanagerin. Mittlerweile jedoch steht auch das System der öffentlich-rechtlichen Fernsehfilm-Produktion einschließlich seiner Herstellungsfirmen in der Kritik. Ein System, das Anpassung, ästhetische Verarmung und Banalitäten erzwingt und autokratische Verkrustung sowie geschmäcklerische Willkür zur Leitlinie werden lässt.
Fast täglich erscheinen in den wichtigsten Tageszeitungen neue Artikel. Wir dokumentieren in dieser Linksammlung nur die wichtigsten von ihnen:
06.09.2009 / SPIEGEL
Drehbuchskandal – NDR verschärft Regeln, Staatsanwalt ermittelt
www.spiegel.de/kultur/tv/0,151…
06.09.2009 / FAZ.net
www.faz.net/s/Rub510A2EDA82CA4…
5.9.2009 / Hamburger Abendblatt
Drehbuchskandal beim NDR. Die Angst vor dem System Heinze
www.abendblatt.de/kultur-live/...
5.9.2009 / Hamburger Abendblatt
Drehbuchskandal beim NDR. Doris Heinze gesteht: Ich bin Marie Funder
www.abendblatt.de/kultur-live/...
04.09.2009 / FOCUS
Drehbuchskandal – Staatsanwaltschaft ermittelt
www.focus.de/kultur/medien/dre…
04.09.2009 / SZ
Mittelmaß und Wahn
jetzt.sueddeutsche.de/texte/an…
02.09.2009 / FAZ.net
ARD-Drehbuchaffäre – Nur ein Vertrauensbruch?
www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24…
02.09.2009 / FAZ.net
ARD-Skandal – Es kann nur eine geben
www.faz.net/s/Rub510A2EDA82CA4…
02.09.2009 / FAZ.net
Doris Heinze packt aus. Mach mir den Niklas
www.faz.net/s/Rub510A2EDA82CA4…
02.09.2009 / Financial Times Deutschland
Drehbuch-Skandal. ARD schließt härtere Kontrollen aus
www.ftd.de/it-medien/medien-in…
02.09.2009 / SPIEGEL
TV-Film in der Krise. Quatsch mit Quote
www.spiegel.de/kultur/tv/0,151…
1.9.2009 / Hamburger Abendblatt
Drehbuch-Skandal beim NDR. Fall Heinze: Die Beteiligten werden äußerst nervös
www.abendblatt.de/kultur-live/...
31.08.2009 / FAZ.net
ARD-Skandal – 7 Bücher auf einen Streich
www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24…
31.08.2009 / FOCUS
NDR-Drehbuchskanal – Filme aus der eigenen Feder
www.focus.de/kultur/medien/ndr…
31.08.2009 / FOCUS
Medien: Affäre um NDR-Fernsehspielchefin weitet sich aus
www.focus.de/kultur/diverses/m…
31.08.2009 / Hamburger Abendblatt
NDR-Filmchefin. Fall Heinze: Noch mehr Phantom-Autoren
www.abendblatt.de/kultur-live/...
31.08.2009 / Financial Times Deutschland
Betrug beim NDR. Fernsehfilm-Chefin hat heimlich als Autorin kassiert
www.ftd.de/it-medien/it-teleko…
31.08.2009 / SPIEGEL
NDR: Suspendierte „Tatort“-Chefin kaufte auch eigenen Drehbücher ein
www.spiegel.de/kultur/gesellsc…
30.08.2009 / SZ
Skandal um Vetternwirtschaft – Föderaler Wahnwitz ARD
www.sueddeutsche.de/kultur/451…
30.08.2009 / FAZ.net
ARD-Drehbuchaffäre – Nur ein Vertrauensbruch?
www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24…
30.08.2009 / FAZ.net
ARD-Drehbuchskandal – Pseudo-Fernsehen
www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24…
29.08.2009 / SZ
NDR: Skandal um Vetternwirtschaft – Ein Dreh zuviel
www.sueddeutsche.de/kultur/339…
29.08.2009 / Hamburger Abendblatt
Drehbuch-Skandal beim NDR. Das System Heinze: Es gibt noch mehr dubiose Fälle
www.abendblatt.de/kultur-live/...
28.08.2009 / SZ
NDR: Skandal um Vetternwirtschaft – Tatort ARD
www.sueddeutsche.de/kultur/214…
28.08.2009 / FAZ.net
ARD-Skandal – Das Phantom von Hamburg
www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24…
28.08.2009 / FAZ.net
ARD-Skandal – Drehbücher vom Ehemann
www.faz.net/s/Rub510A2EDA82CA4…